einatmen, ausatmen
Die Bielefeld-Düsseldorf-Köln-Connection. Ein Blogvorhaben von Tanja, Anke und Felix.

Zu(ge)hörer
5. Dezember 2009, 15:12 Uhr von Flix

Das orange leuchtende Licht hatte mich beim Einschalten des iPods eigentlich schon vorgewarnt. Als ich aber am Ende des Tages wieder nach Hause kam und endlich den lang ersehnten, luftgepolsterten Umschlag im Briefkasten vorfand, war alles andere wie vergessen und der Musikspieler wurde geistesabwesend neben Schlüssel, Handy und Portemonnaie auf der Wohnzimmer-Kommode platziert.

Heute morgen dann erstaunlich früh wach gewesen, aufgestanden, geduscht, angezogen und raus Richtung Bahn. Ich löste ein Ticket und setzte mich auf einen freien Fensterplatz. Nicht dass es in der unter Grund verlaufenden S-Bahn etwas zu sehen gäbe, aber es ist doch ein recht entspannter Einstieg in den grauen Tag, wenn die sporadischen Lichter so an einem vorbeirauschen. “Und wenn ich nicht hier bin, bin ich auf dem Sonnendeck.” – Licht – “Oder im Aquarium” – Licht – “Und alles was ist dauert drei Se” – Piep!

Mein Kopf braucht keine Sekunde um zu realisieren was gerade geschehen ist. Die Grenzen der von Apple California so aufwendig und teuer entwickelten Lithium-Ionen Akku-Technologie reißen mich brutal aus meiner morgendlichen Großstadt-Melancholie und den Gedanken an die Zeit, als der Song von Peter Licht das erste mal Bielefeld und mich erleuchtete. Winter 2004/2005 – da war alles noch ganz anders. Damals gab es sogar noch Schnee an Weihnachten. Das werden unsere eure Kinder gar nicht mehr kennen. Und wenn, dann nur in Form einer blitzartig entstehenden Schneelawine, die aus einem Tornado herausschießt, welcher eben von einer Flutwelle, die Holland in ein Atlantis aus Sex, Drugs und Automaten-Frikandeln verwandelte, nach Bielefeld getragen wurde und nun alles in Schutt und Asche legt. Wir leben in einer interessanten Zeit. In nur einer Generation vom Commodore 64 zur Klima-Apokalypse. Und irgendwo dazwischen sitze ich nun in der unter Grund verlaufenden S-Bahn Kölns, mit meinem Apple iPod, dessen Akku höchstens noch mit einer Apfel-Batterie aus dem Physikunterricht der 7. Klasse konkurieren könnte.

Ich starre weiter aus dem Fenster als sei nichts gewesen. An das letzte Mal dass ich ohne “personal Audio on the go” Bahn gefahren bin kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern. Aber egal, die Welt geht deswegen ja (noch) nicht unter. Ich habe als Kind ja auch mit Stöckern (sic) im Wald gespielt und bin somit nicht abhängig von der modernen Entertainment-Industrie und ihren schick designten Statussymbol-Produkten. Ich ploppe die weißen Kopfhörer aus meinen Ohren, wickele die Kabel um zwei Finger und stecke sie in meine Jackentasche.

Bahnfahren ist laut. Die Wagons klappern, Schulkinder bekunden lauthals ihr Entzücken über die letzte Ben 10 Folge, irgendwer der zu cool für Ben 10s Abenteuer als Wirt eines Alienvirus ist, hört über seine Handylautsprecher Sido und hinter mir hustet jemand, was mich kalt lässt.

Gefühlte zwei Stunden später erreiche ich sieben Minuten später die Haltestelle Köln Hauptbahnhof und steige aus. Endlich! Erstmal zu Starbucks und einen Iced Vanilla Latte in mittlerer Größe – also “Grande” – bestellt. Mit dem eisigen Becher in der Hand, stelle ich mich raus an einen Stehtisch, zünde mir eine Zigarette an und schaue dem morgendlichen Treiben vor dem Dom zu. Aber Moment mal! Ich schaue gar nicht nur zu, sondern ich höre auch! Da sind Großstadtgeräusche: Baustellen, Autos, Schritte, schreiende Kinder, schreiende Mütter und schreiende Väter. Sogar der als Römerstatue verkleidete Mann auf seinem Podest vor dem Dom schreit mich mit seiner still-starren Art und Weise förmlich an. Was in der S-Bahn noch ungewohnt und abstoßend war, entpuppt sich auf einmal als eine schier göttliche Eingebung. Ich fühle mich als würde ich aus der Matrix aufwachen. Ich fühle mich auf einmal … als Teil des Großstadtkollektivs, welches ich bisher erfolgreich mit einen Mix aus Bernd Begemann, La Roux und den Dillinger Four aus meinem Leben ausgesperrt habe! Ich rufe laut: “Ha!”, und höre meine Stimme vom Dom widerschallen. Die auftretende Scham, als ich realisiere wie sich die Kaffee-genießende Zunft plötzlich zu mir umdreht, überwinde ich schnell. Ich bin halt noch ein Kollektiv-Newbie.

Eine halbe Stunde später stehe ich, wie so viele andere Weihnachtsshopper vor und nach mir, mit einer Beatles CD in der Hand und einer Nintendo Wii unter dem Arm an der Saturn Kasse. Die EC-Karte gleitet durch den Schlitz, ich unterschreibe, wünsche der Kassiererin einen schönen Tag und fahre die Rolltreppe runter auf die Erde. Dort angekommen stelle ich mich in die längste Schlange am Currywurst-Stand und lausche den Gesprächen. Ich kann es immer noch kaum fassen – ich bin geheilt. Geheilt von der iPod-Everywhere-Krankheit! Der I-Walk-Alone-Krankheit! “Ein schöneres Weihnachtsgeschenk hätte man mir nicht machen können.”, denke ich und packe drei Wochen später unter dem Tannenbaum das neue Album der Sterne aus.

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